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Kultur

Insidertipps New Orleans: An der Wiege des Jazz

13.03.2020

Live-Konzerte mitten auf der Straße, stets vertraute Viertel, Nostalgie in den French Quarters, altmodisch-moderne Clubs und Restaurants: In New Orleans atmen Urlauber den Hauch vergangener Zeiten – und das zum ewigen Sound des Jazz. Unser Gastblogger Stefan Nink verrät seine Hotspots.

Es soll tatsächlich Leute geben, die völlig planlos nach New Orleans fahren. Einfach so, nach dem „Wir schauen mal, was es so gibt“-Motto. Ehrlich gesagt: Das könnte ich nicht. Ich mache mir vor der Reise immer einen Plan. Einen ganz genauen, einen sehr detaillierten, einen für jeden Tag. Ich bin Musikfan, und wenn ich in New Orleans bin, will ich nichts verpassen und deswegen vorher alles wissen: Wer tritt auf, während ich in der Stadt bin? Und wo? Und was gibt es sonst noch Neues?

Ich arbeite mich durch den Blog des Szenemagazins Gambit; stöbere in den Online-Ausgaben der Times-Picayune, lese die letzten drei oder vier Crosstown-Conversation-Newsletter, schaue auf der Facebookseite des Fremdenverkehrsamtes vorbei und auch noch schnell bei Instagram. Wenn ich damit durch bin, hab ich einen Terminkalender wie ein Manager der Automobilbranche im Krisenmodus. Spätestens am zweiten Tag werde ich das alles ignorieren, das ist auch jedes Mal so. Am Ende hab ich niemals viel auf meiner To-Do-Liste abgehakt. Aber meistens 17 neue Sachen entdeckt.  

Wiedererkennungswert auch nach Jahren

Im Vergleich zu anderen US-amerikanischen Städten ist New Orleans in seinen touristisch relevanten Vierteln ziemlich statisch:

Man kann Jahre nicht mehr hier gewesen sein und wird dennoch das allermeiste wiedererkennen, weil das allermeiste schon ewig da ist.

Manche Hotels im French Quarter werden seit Generationen von derselben Familie geführt. Das Monteleone zum Beispiel seit 1868. Faulkner, Hemingway, Capote und Tennessee Williams haben alle hier gewohnt und geschrieben (und in der hauseigenen Caroussel Bar getrunken). Besonders gern mag ich das Old No. 77 Hotel & Chandlery – das war ganz früher mal ein Lagerhaus und später dann ein Kaufhaus; sein industrieller Flair kommt vor allem bei der Instagram-Gemeinde gut an. Und es liegt gerade weit genug außerhalb des French Quarters, um ruhige Nächte zu garantieren.

Zu Fuß durch das French Quarter

Da muss man nämlich ein bisschen aufpassen: Einige Straßen im historischen Viertel der Stadt werden bis in die frühen Morgenstunden beschallt – wer nachts seine Ruhe haben möchte, zieht besser in ein Hotel jenseits der Canal Street. In diesem Teil von New Orleans ist übrigens alles fußläufig, man braucht weder einen Mietwagen noch ein Taxi. Und wenn man sich am zweiten oder dritten Tag den Garden District anschauen möchte, steigt man in die herrlich nostalgische Straßenbahn und lässt sich durch die Alleen kutschieren (die Station „Desire“, die in Tennessee Williams berühmten New-Orleans-Schauspiel „A Streetcar called Desire“ („Endstation Sehnsucht“) vorne an der Bahn angeschlagen war, existiert heute übrigens nicht mehr).

Im Café: frühmorgens Einheimische, tagsüber Touristen

Am ersten Morgen gehe ich immer ins Café du Monde am Jackson Square. Die haben rund um die Uhr geöffnet, seit 1862, es sei denn, es ist gerade Weihnachten oder Sturm (“Closing only for Christmas and hurricanes”). Tagsüber ist es hier wahnsinnig touristisch, frühmorgens aber sitzen nur Einheimische an den Tischen und sehen bei Zichorien-Kaffee (gewöhnungsbedürftig, kennt man bei uns als Muckefuck) und Beignets (ähnlich wie unsere Kreppel, ohne Füllung und weniger süß) zu, wie der Morgen in die Stadt schleicht.

Abschließend schlendere ich durchs Quarter und hinüber nach Bywater zu Euclid Records, einem der besten Plattenläden der Stadt. Vormittags ist auch eine gute Zeit für die Museen, für die vielen kleine Läden im French Quarter und für alle anderen Räume, die mit einer Klimaanlage ausgestattet sind: Zwischen März und Oktober kann es sehr, sehr heiß werden in der Stadt am Mississippi. Mittags lege ich deswegen dann meistens eine Siesta im Hotel ein. Der Tag ist ja noch länger.

Lebhafte Straßenkonzerte am Abend

Denn eigentlich wird New Orleans erst wach, wenn es dunkel wird. Jazz kann man natürlich auch schon vorher hören, in den Clubs auf der Bourbon Street wird er spätestens ab dem Vormittag angestimmt.

Irgendwann am späteren Nachmittag packen sie dann auch anderswo die Instrumente aus, im Spotted Cat auf der Frenchmen Street zum Beispiel, wo die Musiker und Bands alle ein, zwei Stunden wechseln. In der Nachbarschaft sind etliche weitere Clubs, und irgendwann marschiert dann eine Brass Band an der Ecke zur Chartres Street auf, und dann gibt es kein Halten und kurz darauf kein Durchkommen mehr für Autos, so viele Leute bleiben stehen und klatschen und tanzen.

Ranger erklären den Jazz

Wem das zu wild ist, sollte ins Snug Harbor ein paar Schritte die Straße runter, wo die aktuell großen Namen des New-Orleans-Jazz auftreten, Charmaine Neville oder jeder aus der Marsalis-Familie, der gerade in der Stadt ist. Oder man geht gleich ins Irvin Mayfield’s Playhouse, dem gediegensten Ort, um in New Orleans Jazz zu hören. Und die legendäre Preservation Hall ist der wahrscheinlich berühmteste, zumindest, wenn es um Traditional Jazz geht: Sehr, sehr touristisch, aber dennoch ein Erlebnis.

Wer sich für die Geschichte der Musik interessiert, kann in New Orleans übrigens einen Nationalpark mitten in der Stadt besuchen: Im Jean Lafitte National Historical Park erklären Ranger (!) die Grundzüge der Musik und setzen sich auch schon mal ans Klavier.

Südstaaten-Flair in der Eckbar

Ihr wollt keine Live-Musik, sondern einfach bloß zwei, drei Bier, weil der Tag eh schon anstrengend genug war? Ich gehe am liebsten ins Napoleon House. Das heißt so, weil sein erster Besitzer dachte, er könne Bonaparte nach dessen letzter Schlacht in Europa Exil anbieten, aber der musste ja dann nach St. Helena ins Exil.

Auch die Bar im Tujague’s mag ich sehr gerne, die ist auch schön altmodisch, und die Barkeeper und Kellner haben jene beflissene Professionalität konserviert, die man mit dem Alten Süden verbindet.

Lafitte’s Blacksmith Shop an der Ecke St. Philip Street / Bourbon Street wäre in jeder anderen Stadt wahrscheinlich längst dicht gemacht worden, so baufällig wirkt es. Irgendwie wartet man beim Bier immer darauf, dass ein Trupp Handwerker eintrifft, um mit den Renovierungsarbeiten zu beginnen.

Das beste Restaurant der Neuen Welt

Und dann müssen wir natürlich noch übers Essen reden.

Auf-die-Hand-Snacks wie der Po’Boy oder das Muffaletta gehören zu New Orleans wie der Mississippi und die Vampir-Romane von Anne Rice – das eine ist ein ellenlanges Sandwich mit diversen Belägen, das andere ein mit Käse, Wurst, Krabben und Oliven vollgestopftes Fladenbrot, von dem man nie, nie ein ganzes bestellen sollte. Die besten bekommt man bei Matassa’s in der Dauphine Street, einem kleinen Lebensmittelladen, dessen mittlerweile verstorbener Besitzer Cosimo Matassa nebenberuflich Schallplatten produzierte und Mitglied der Rock’n’Roll Hall of Fame war.

New-Orleans-Streetfood gibt es auch bei Booty’s drüben in Bywater, einem Treff der Apple-Arbeiter und Kreativen. Viel konservativer sitzt man dagegen bei Antoine’s – das war bei seiner Eröffnung 1840 das beste Restaurant in der Neuen Welt und ist 180 Jahre später immer noch eine Institution. Ein Dinner hier kann ein ganz schönes Loch in die Urlaubskasse reißen, das Drei-Gänge-Mittagsmenü kostet 2020 aber bloß 20,20$.

Das habe ich übrigens ganz zufällig entdeckt. Es stand nicht auf meiner Liste, wie das eine oder andere von den Tipps oben auch. Es soll tatsächlich Leute geben, die völlig planlos nach New Orleans fahren. Einfach so, nach dem „Wir schauen mal, was es so gibt“-Motto. Beim nächsten Mal mache ich das genauso.