Lyon fühlt sich an wie das Paris, das man sich immer gewünscht hat: elegant und geschichtsträchtig, aber ohne den Trubel und die Hektik der Hauptstadt. Heute nehme ich euch mit, zu meinen liebsten Hotspots in Lyon.
Lyon liegt zwischen zwei Flüssen und ein wenig zwischen den Kategorien. Zu groß, um nur Kulisse zu sein, zu geerdet, um sich selbst zu inszenieren. Natürlich gibt es die bekannten Bilder: die Renaissancefassaden in Vieux Lyon, den Blick von der Basilika Fourvière, die großen Plätze der Presqu’île. Wer zum ersten Mal hier ist, folgt dieser Dramaturgie fast automatisch. Und übersieht dabei das, was Lyon eigentlich ausmacht, nämlich die leisen Zwischentöne.
Denn diese Stadt erschließt sich nicht über ihre Sehenswürdigkeiten, sondern über ihre Übergänge. Über Treppen, die unvermittelt in andere Viertel führen. Über Durchgänge, die Innenhöfe miteinander verbinden. Über Straßenzüge, die auf keiner Lyon Sehenswürdigkeiten-Liste stehen, aber ein präziseres Bild von der Stadt zeichnen als jede Panoramaaufnahme. Wie zum Beispiel die ehemalige Seidenweberhochburg Croix-Rousse, in der Werkstätten heute Ateliers sind. In kleinen Bouchons ohne Schild, in Buchhandlungen mit nur einer Empfehlung im Schaufenster, an Flussufern, die abends den Takt verlangsamen.
Vieux Lyon: Geschichte zum Erlaufen
Vieux Lyon bezeichnet jenen Teil der Stadt, in dem Lyons Geschichte bis heute sichtbar und spürbar bleibt. Eingezwängt zwischen dem Fluss Saône und dem steilen Hang des Fourvière-Hügels liegt hier das historische Herz der Stadt.
Blick auf Fourvière und Vieux Lyon
Bereits in der Antike befand sich auf dem Fourvière-Hügel Lugdunum, die römische Vorgängerstadt Lyons. Später entwickelte sich am Fuße des Hügels das mittelalterliche und renaissancezeitliche Vieux Lyon, geprägt von Kaufleuten, Bankiers und vor allem vom Seidenhandel. Diese Geschichte spüre ich allgegenwärtig in den engen Gassen, hohen Häusern und versteckten Innenhöfen. Ich schlendere an den eleganten Fassaden der Rue Saint-Jean entlang und bewundere die steinernen Treppenhäuser, die Traboules, jenen schmalen Durchgängen, die Häuserblocks verbinden und das Viertel bis heute durchziehen.
Fourvière: Der Blick von oben und die lange Geschichte der Stadt
Der namensgebende Hügel und das darauf liegende Stadtviertel Hügel Fourvière erhebt sich über Lyon und bildet seit jeher den geografischen und historischen Bezugspunkt der Stadt. Lange bevor die Silhouette der Basilika das Bild bestimmte, war Fourvière bereits Zentrum. Hier lag Lugdunum, die römische Gründung, von der aus sich Lyon entwickelte. Theaterreste und archäologische Flächen erinnern noch heute daran, dass die Geschichte dieser Stadt in der Höhe begann.
Je höher ich steige, desto mehr verändert sich die Perspektive auf die Stadt. Der Weg hinauf nach Fourvière zu Fuß über Treppen und Serpentinen oder mit einer der ältesten Standseilbahnen Frankreichs ist Teil der Erfahrung. Die Basilika Notre-Dame de Fourvière dominiert den Gipfel und von hier aus öffnet sich Lyon in alle Richtungen. Die Saône, die Rhône, die Presqu’île dazwischen liegen mir zu Füßen.
Fourvière: Vom römischen Theater zur Bühne der Gegenwart
Am Hang von Fourvière liegt ein Ort, der zwei Jahrtausende überdauert: das antike römische Theater von Lugdunum, eines ältesten Frankreichs. Hier, wo einst Reden, Tragödien und Musik das öffentliche Leben bestimmten, setzen sich heute Menschen aus aller Welt auf die alten Sitzreihen.
Das Amphitheater von Lyon gehört zu den ältesten Amphitheatern außerhalb des heutigen Italien
Doch Fourvière ist nicht nur archäologische Erinnerung, sondern bis heute Bühne. Jeden Sommer finden hier die Nuits de Fourvière statt, ein Festival, das Theater, Musik, Tanz und zeitgenössische Formen zusammenbringt. Internationale Künstler treten ebenso auf wie lokale Produktionen, klassische Inszenierungen neben experimentellen Formaten.
Mein Tipp: Wer Fourvière jenseits der Stoßzeiten besucht, am frühen Morgen oder kurz vor Sonnenuntergang, erlebt diesen Ort ruhiger.
Spektakuläre Bühnenshows vor antiker Kulisse während der Nuits de Fourvière im Sommer
Presqu’île: Das urbane Zentrum zwischen Rhône und Saône
Zwischen Rhône und Saône erstreckt sich die Presqu’île, die hübsche „Halbinsel“ Lyons. Hier findet das moderne pulsierende Leben der Stadt mit breiten Plätzen, Einkaufspassagen, Cafés, kleinen Boutiquen und Straßenmusikern statt.
Presqu’île erinnert an die großen Prachtboulevards von Paris
Die Place Bellecour, einer der größten Plätze Europas, wirkt auf den ersten Blick monumental, fast repräsentativ. Ein Spaziergang durch die Passagen der Presqu’île lohnt besonders. Überdachte Durchgänge verbinden die Straßen, verstecken kleine Läden und Buchhandlungen.
Versteckte Orte und stille Ecken
Je länger ich durch Lyon laufe, desto mehr entdecke ich kleine Details. Innenhöfe, die den Straßen vorgelagert und doch kaum sichtbar sind; kleine Treppen, die zu Terrassen führen, Wege, die scheinbar zufällig durch Häuserblocks führen.
Die Traboules, jene geheimen Durchgänge zwischen den Häusern von Vieux Lyon oder Croix-Rousse, sind das klassische Beispiel. Sie dienten einst den Seidenwebern als Abkürzungen und Wetterschutz, heute bieten sie einen Moment der Ruhe zwischen den belebten Straßen.
Ees heißt, einen „wahren“ Lyoner erkenne man daran, dass er die versteckten Traboules kennt
Viele versteckte Treppen führen hinunter von Fourvière
Die kleinen Gassen des Vieux Lyon
Essen in Lyon: Klassiker, Bouchons und neue Küchen
Und wer durch diese Ecken streift, wird irgendwann hungrig werden. Lyon wäre nicht Lyon ohne seine Bouchons. Bouchons sind kleine, traditionelle Restaurants, die typisch lyonnaiser Küche servieren: herzhafte Fleischgerichte, Quenelles, Lyoner Salami, Wurst und Eintöpfe. Anders als touristische Restaurants geht es hier um Geschmack, Handwerk und eine ganz eigene Atmosphäre.
Doch Lyon gilt nicht zuletzt auch als kulinarische Hauptstadt Frankreichs aufgrund seiner modernen Küche. Junge Köche experimentieren in kleinen Restaurants und mischen Tradition mit neuen Zutaten, modern interpretierter Lyoner Küche. Die in Frankreich meist frischen Zutaten dazu finden sie auf den vielen Märkten der Stadt: Marché Saint-Antoine, Marché de la Croix-Rousse oder kleinere Wochenmärkte bieten frisches Gemüse, Käse, Fisch, exotische Gewürze und saisonale Spezialitäten.
Lyon von seiner schönsten Seite
Einfach mal entspannen mit Blick auf Lyon
Frühling und Herbst sind wohl die Zeiten, in denen Lyon ihren Charakter am deutlichsten zeigt. Das weiche Licht über den Flüssen, das noch kühle Morgennebel die Dächer umhüllt, der Duft von frischem Gebäck und Kaffee in den Gassen. Im Frühling blühen die Innenhöfe, Bäume und Blumen in den Parks, die Märkte füllen sich mit saisonalem Obst und Gemüse, und die Cafés beginnen langsam, ihre Terrassen zu öffnen. Im Herbst leuchten die Dächer in Ocker- und Ziegeltönen, die Stadt wirkt wärmer, ruhiger und zugleich konzentrierter.
Lyon entdecken mit Zeit, Augen und Herzen
Für mich ist Lyon der entspanntere Gegenpol zu Paris. Alles, was die französische Lebensart ausmacht mit ihrer Geschichte, Architektur, Essen und Flair bietet Lyon ebenso, aber ohne die Hektik und den Lärm der Hauptstadt. Lyon belohnt jene, die wie die Einheimischen sich Zeit nehmen für einen Kaffee, ein Gespräch, die Abzweigungen nehmen, die in Innenhöfe hineinschauen, auf Treppen verweilen und den Blick über Dächer und Flüsse schweifen lassen.
Mein Rat ist, sich treiben zu lassen. Setz dich in ein Bouchon, beobachte die Menschen, höre die Stimmen der Stadt. Wer Lyon auf diese Weise erlebt, nimmt mehr mit als Bilder oder Fakten, sondern das berühmte französische Lebensgefühl.
