Die französischen Alpen gehören zu den spektakulärsten Regionen Europas. Zwischen schroffen Kalkwänden, türkisfarbenen Bergseen und hochalpinen Graten verlaufen Klettersteige, die unterschiedlicher kaum sein könnten von einfachen Einsteiger-Routen bis zu ausgesetzten Touren mit echtem Alpincharakter. Reisebloggerin Anja Knorr stellt in diesem Guide einige der schönsten Klettersteige der französischen Alpen vor.
Die ersten Meter fühlen sich oft harmlos an. Ein Stahlseil, ein paar Eisenbügel im Felsen, unter einem noch festen Boden. Doch irgendwo mitten in der Wand blieb ich automatisch stehen und schaute nach unten. In den französischen Alpen bedeutet das einen oft mehreren hundert Meter Blick in die Tiefe, zerklüftete Kalkfelsen, weit entfernte Bergstraßen und manchmal ein türkisfarbener See tief im Tal.
Genau das hat mich an den Klettersteigen in Frankreich überrascht. Sie wirken rauer und weniger geschniegelt. Während viele Via Ferratas in Österreich inzwischen fast zum alpinen Mainstream gehören und in den Dolomiten oft ganze Kolonnen durchs Stahlseil steigen, fühlen sich die Klettersteige in den französischen Alpen noch ursprünglicher an.
Oft beginnt der Zustieg unscheinbar an einer kleinen Straße durch ein Bergdorf, an einem Parkplatz neben einer Alm oder einem schmalen Wanderweg durch den Wald. Und dann plötzlich stehst du vor massiven Felswänden, die beängstingend aussehen.
Diese enorme Vielfalt mit den Seen wie den Lac d’Annecy, den engen Schluchten, vorbei an Wasserfällen oder hoch über kargen Hochgebirgslandschaften machen die französischen Alpen zu einem der spannendsten Gebiete Europas für Via Ferrata.
Herrliche Aussicht Via Ferrata de la Cascade de la Fraîche in Pralognan-la-Vanoise
Die schönsten Klettersteige in den französischen Alpen
Die französischen Alpen ziehen sich über hunderte Kilometer und entsprechend unterschiedlich fühlen sich auch die Klettersteige an. Manche verlaufen spektakulär über lange Hängebrücken und ausgesetzte Grate, andere führen durch enge Schluchten oder entlang tosenden Wassers. Viele der schönsten Klettersteige liegen dabei nicht direkt neben großen Tourismuszentren. Oft fuhr ich erst kleine Bergstraßen hinauf oder wanderte durch stille Täler, bevor das Stahlseil im Felsen beginnt.
- Extrem vielseitig: Von einfachen Einsteiger-Routen bis zu anspruchsvollen, ausgesetzten Touren in hochalpiner Landschaft
- Ursprünglicher als andere Alpenregionen: Weniger überlaufen, rauer und oft intensiveres Naturerlebnis
- Spektakuläre Kulisse: Klettersteige führen über Seen, Schluchten, Wasserfälle und mit großem Tiefblick
- Für jedes Level geeignet: Perfekt für Einsteiger (z. B. Annecy) und erfahrene Klettersteiggeher auf der Suche nach echten Herausforderungen
1. Via Ferrata du Roc du Vent
Wer nur einen einzigen Klettersteig in den französischen Alpen machen möchte, landet früher oder später fast immer beim Roc du Vent. Und das aus gutem Grund. Schon der Zustieg gehört zu den eindrucksvollsten der Region. Die Straße windet sich oberhalb des Lac de Roselend durch eine Landschaft, in der ich mich eher wie in den kanadischen Rocky Mountains gefühlt habe als in Europa.
Der eigentliche Klettersteig führt über steile Kalkwände, schmale Gratpassagen und mehrere luftige Hängebrücken. Immer wieder öffnet sich der Blick weit über den türkisfarbenen Stausee und die umliegenden Gipfel der Savoyer Alpen. Technisch gilt der Roc du Vent als mittelschwer bis anspruchsvoll. Einige Passagen verlangen Armkraft und Trittsicherheit, dazu kommen ausgesetzte Querungen, bei denen man die Leere unter den Füßen deutlich spürt.
✓ Kletterzeit: Die reine Kletterzeit liegt meist zwischen zwei und drei Stunden, je nach Erfahrung und Pausen.
2. Via Ferrata Croix des Verdons
Frankreichs höchstgelegene Via Ferrata am Croix des Verdons
Die Croix des Verdons liegt oberhalb von Courchevel, mitten in den Savoyer Alpen in offener, felsiger Hochgebirgslandschaft auf über 2.000 Metern Höhe. Ich bin mit der Pas du Lac-Gondelbahn von Méribel-Mottaret zum Gipfel der Saulire gefahren und stand dadurch relativ schnell mitten in einer Umgebung aus schroffen Felsgraten, Geröllfeldern und weitem Blick über die französischen Alpen. Anfangs bekam ich angesichts der Höhe eine kleine Panikattacke, aber zwang mich dann doch in den Kletterstieg und wurde mit spektakulären Aussichten der französischen Alpen belohnt.
Der Klettersteig selbst kombiniert steile Wandpassagen mit ausgesetzten Querungen und schmalen Gratabschnitten. Besonders eindrucksvoll ist das Gefühl von Höhe. Anders als bei bewaldeten Via Ferratas sieht man hier permanent weit ins Tal und auf die umliegenden Gipfelketten. Bei stabilem Wetter reicht der Blick kilometerweit über die Alpen.
Technisch bewegt sich die Route im mittleren bis anspruchsvollen Bereich. Absolute Anfänger sollten die Höhe, die Ausgesetztheit und die körperliche Belastung nicht unterschätzen. Gerade bei Wind oder Wetterumschwüngen wirkt die Route schnell deutlich ernster als viele touristischere Via Ferratas.
✓ Schwierigkeitsgrad und Dauer: Anspruchsvoll (D). Ca. 3 Stunden Aufstieg, 1,5 Stunden Abstieg.
3. Via Ferrata de la Cascade de la Fraîche
Die Via Ferrata de la Cascade de la Fraîche gehört zu den schönsten Frankreichs
Die Via Ferrata de la Cascade de la Fraîche in Pralognan-la-Vanoise war mein persönliches Highlight aufgrund der rohen Naturgewalt auf Wasser, Fels und Höhe. Die Route verläuft direkt entlang eines tosenden Wasserfalls oberhalb von Pralognan-la-Vanoise in Savoyen und fühlt sich dadurch deutlich wilder an als viele klassische Via Ferratas. Schon nach wenigen Metern stand ich mitten im Sprühnebel des Wassers. Der Fels war steil, die Passagen teilweise extrem ausgesetzt und das Rauschen des Wasserfalls begleitete mich fast die gesamte Tour. Obwohl der Klettersteig nur rund 80 Höhenmeter überwindet und meist in etwa anderthalb Stunden machbar ist, ist er körperlich und mental deutlich intensiver als viele längere Routen.
Besonders spektakulär sind die luftigen Querungen und Seilbrücken direkt neben der Cascade de la Fraîche. An einigen Stellen wurde ich fast zwangsläufig etwas nass. Technisch gilt die Route mit Schwierigkeit D+ als anspruchsvoll. Anfänger ohne Erfahrung sollten den Klettersteig deshalb nicht unterschätzen, auch wenn die Tour relativ kurz ist. Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und eine gute Grundfitness sind wichtig, besonders bei feuchtem Fels.
✓ Beste Jahreszeit: Die beste Zeit liegt meist zwischen Juni und September, wobei stabile Wetterbedingungen wichtig sind.
4. Via Ferrata de Thônes bei Annecy
Die Via Ferrata de Thônes gehört zu den bekanntesten Einsteiger-Klettersteigen rund um Annecy. Sie ist technisch nicht extrem schwierig, bietet aber trotzdem genug ausgesetzte Stellen, um echtes Via-Ferrata-Gefühl aufkommen zu lassen. Besonders schön ist die Lage oberhalb des Lac d’Annecy. Während des Aufstiegs öffnet sich immer wieder der Blick über den See und die umliegenden Berge der Haute-Savoie. Gerade bei klarem Wetter wirken Wasser und Fels fast unwirklich kontrastreich.
Viele Familien oder Anfänger wählen diese Route, weil sie gut abgesichert ist und keine langen, extrem kraftintensiven Passagen enthält.
5. Via Ferrata de la Dent du Chat
Die Dent du Chat ist nichts für Menschen, die einfach nur ein bisschen Höhenluft schnuppern wollen. Schon der Name „Katzenzahn“ passt zu diesem schroffen Felsmassiv oberhalb des Lac du Bourget. Der Klettersteig führt durch steile Wandpassagen und über ausgesetzte Querungen, bei denen mein Blick permanent in die Tiefe geht. Einige Stellen verlangen Kraft, Konzentration und ein sicheres Gefühl für Bewegung. Gerade bei viel Betrieb können die schwierigen Passagen zusätzlich anstrengend werden.
Wen du Erfahrung auf Via Ferratas hast, findest du hier jedoch genau das, was viele in den Alpen suchen: lange luftige Passagen, direkte Linien durch den Felsen und das intensive Gefühl von Höhe.
Worauf Anfänger achten sollten



Viele unterschätzen beim ersten Klettersteig die Schwierigkeit und die Kombination aus Höhe, Kraft und Konzentration. Auf Fotos wirken viele Via Ferratas in den französischen Alpen oft einfacher, als sie sich später in der Wand anfühlen. Gerade ausgesetzte Passagen können mental anstrengend werden, selbst wenn die eigentliche Kletterei technisch leicht ist. Deshalb lohnt es sich, als Anfänger mit einer kürzeren und weniger extremen Route zu starten, zum Beispiel rund um Annecy oder an leichteren Klettersteigen in Savoyen.
Mindestens genauso wichtig ist die richtige Tourenplanung. In den französischen Alpen ändern sich Wetterbedingungen oft schneller als gedacht. Eine sonnige Taltemperatur bedeutet nicht automatisch sichere Bedingungen in der Wand. Gewitter, Wind oder nasser Fels können eine einfache Via Ferrata plötzlich deutlich anspruchsvoller machen. Anfänger sollten deshalb früh starten, genügend Wasser dabeihaben und lieber eine Tour abbrechen als sich zu überschätzen.
Ebenso problematisch ist eine schlechte oder unvollständige Ausrüstung. Ungeeignete Schuhe oder zu wenig Wasser am Klettersteig kann gerade im Sommer gefährlich werden. Viele Anfänger versuchen auch möglichst schnell durch schwierige Stellen zu kommen, obwohl kontrollierte Bewegungen meist deutlich sicherer und kraftsparender sind.
Beste Reisezeit für Klettersteige in den französischen Alpen
- Ideal: Juni bis September
- Frühjahr: teilweise noch Schnee in höheren Lagen
- Sommer: gute Bedingungen, aber Gewitterrisiko
- Herbst: oft ruhigere Bedingungen und klare Luft (Geheimtipp!)
Welche Ausrüstung und Sicherheit am Klettersteig wirklich wichtig sind
Auch leichte Via Ferratas in Frankreich sollten nie ohne vollständige Ausrüstung gegangen werden. Zur Grundausstattung gehören ein passender Helm, ein Klettergurt und ein modernes Klettersteigset mit Falldämpfer. Dazu kommen feste Schuhe mit gutem Grip. Viele unterschätzen, wie glatt Kalkfels oder feiner Schotter an Zustiegen werden können. Was oft vergessen wird sind ausreichend Wasser, dünne Handschuhe für das Stahlseil, Sonnenschutz und eine leichte Jacke. In den französischen Alpen kann das Wetter innerhalb kurzer Zeit umschlagen, selbst an warmen Sommertagen.
Meist brauchst du für eine Via Ferrata weniger Fitness als beim klassischen Bergsteigen
Mindestens genauso wichtig ist eine realistische Selbsteinschätzung. Viele Unfälle passieren nicht wegen technischer Probleme, sondern weil Menschen ihre Kraft, ihre Höhenangst oder die Schwierigkeit der Route falsch einschätzen. Wenn du am Einstieg bereits merkst, dass sich die Route unsicher anfühlt, solltest du lieber umkehren. Gleiches gilt bei Wetterumschwüngen, Erschöpfung oder überfüllten Passagen. Besonders auf ausgesetzten Querungen kann Hektik schnell gefährlich werden.
Warum die französischen Alpen eines der besten Via-Ferrata-Gebiete Europas sind
Jede Klettersteig-Tour in den französischen Alpen hat ihren eigenen Charakter, mal technisch, mal landschaftlich, aber selten beliebig. Daher haben sowohl Einsteiger, die ihre erste Via Ferrata mit Seeblick erleben wollen, als auch erfahrene Klettersteiggeher, die alpine, ausgesetzte Routen suchen, ihren Spaß. Wer Abwechslung liebt, findet hier kurze Wasserfall-Touren, lange Grate und hochalpine Herausforderungen oft nur wenige Fahrstunden voneinander entfernt
